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Mittwoch, 29. Oktober 2008 um 10:31


   
 

Ein Problem der Jugendforschung besteht darin, dass zu der Jugendszene der Skinheads keine genaue Datenlage vorhanden ist. Dennoch ist die Jugendforschung bemüht Erklärungen und Stellungnahmen abzugeben, wenn beispielsweise eine neue Gewalttat die Öffentlichkeit erschüttert, die anscheinend aus dieser Szene heraus begangen wurde. Pädagoge Dieter Baake: "Jugendforschung gewinnt ihre Kategorien nicht aus vordefinierten Problemwahrnehmungen, sondern aus eigenem Umgang mit Jugendlichen, aus der Nähe der Erfahrung, und sie bezieht Sichtweisen von Jugendlichen mit ein." In Bezug auf die Thematik Skinheads scheint dies von vornherein gescheitert zu sein, wenn man von der Erfassung der Skins als Jugendkultur ausgeht. In den sozialwissenschaftlichen Beiträgen fand das Thema Skinheads zunächst keine Beachtung, später dann fast ausschließlich unter der Rubrik Rechtsextremismus und Gewalt. Dadurch, dass Forschung sich eben nur auf Teilbereiche der Szene erstreckte, ist zugleich ein bestimmtes Bild entstanden, das kaum mehr Raum für andere Sichten lässt.

1994/95 erstellten Klaus Farin und Hellmut Heitmann eine Studie über Skinheads. ( Erschienen im Buch "Die Skins", Autor Klaus Farin, Links Verlag 1997 ) Angesprochen waren explizit Skinheads und das gesamte Spektrum der Szene wurde einbezogen. Ziel war es, ein Bild der gesamten Szene zu erhalten. 1995 wurden 8000 Fragebögen verschickt und verteilt. Vorausgegangen war dem eine Vor-Ort-Präsenz, Gesprächen und Kontakten zu Meinungsführern, Fanzine-Machern, sowie zu Bands und Plattenvertrieben. Jedes Bundesland wurde einbezogen. Der Fragebogen bestand aus 14 Seiten und beinhaltete 69 Fragen. Fragen nach Gewalt wurden zurückhaltend angesprochen, um Suggestion und Provokation zu vermeiden. Um sichergehen zu können, dass die Befragten sich der Skinheadszene zurechneten, wurden zahlreiche Fragen zu besonderen Stilmerkmalen gestellt, die szene-intern einen hohen Bekanntheitsgrad und Bedeutungswert haben, für Außenstehende aber uninteressant und nicht zu beantworten gewesen wären. Bis Ende des Jahres kamen 406 ausgefüllte Fragebögen zurück, von denen viele zusätzliche Selbstdarstellungen, Fotos und Einladungen zu Feten beigelegt waren.

 

Regionale Verteilung

 
OstdeutschlandWestdeutschland
(n=87, 22,1%) ( n=307; 77,9% ) 
Thüringen10Saarland4
Mecklenburg-Vorpommern11Bremen12
Brandenburg11Hamburg14
Ostberlin15Westberlin18
Sachsen-Anhalt15Hessen19
Sachsen25Rheinland-Pfalz20
  Baden-Württemberg31
  Bayern40
  Niedersachsen41
  Schleswig-Holstein48
  Nordrhein-Westfalen64

Altersgruppen

 
  
15 Jahre und jünger2,7%
16 - 18 Jahre 20,2%
19 - 21 Jahre 31,8%
22 - 24 Jahre24,6%
25 Jahre und älter20,6%

Die Verteilung entspricht der Grundgesamtheit der Altersgruppe der etwa 18 – 26jährigen in der Deutschland.

 

 

 

Geschlechtszugehörigkeit

 
  
weiblich12,7%
männlich87,3%

* Scheinbar sind in der Szene zwei verschiedene Frauen"rollen" vorhanden. Zu einem gibt es die "Freundin von ...", deren Status in der Gruppe mit dem des Partners steigt oder fällt. Andererseits gibt es Frauen, die in der Szene "ihren Mann stehen". Das heißt, sie verhalten sich ebenso wie ihre männlichen Cliquenmitglieder. Anscheinend ist dies ein Mittel, um sich dem in der Gesellschaft herrschenden "Frauenideal" zu widersetzen, sich dagegen aufzulehnen. Erwähnenswert ist vielleicht, dass die Gruppenstukturen mit steigendem Alter gemischter werden, also Männer und Frauen gleichermaßen den Cliquen angehören. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass im jüngeren Alter die "Männlichkeit" und das dazugehörige Gebaren eine größere Rolle spielt.

 

 

 

Verweildauer in der Szene

 
  
2-3 Jahre32,8%
4-6 Jahre35,4%
> 7 Jahre27,7%

Da die Mehrheit der Teilnehmer über 25 Jahre alt ist, kann man hier davon ausgehen, dass es sich nicht nur um eine Protesthaltung handelt, die für jüngere Szenemitglieder vielleicht ausschlaggebend ist, sondern dass es hier um eine Form der Lebenseinstellung geht.

 

 

 

Schulabschluss

 
 Umfrage Datenreport 1995
(20-29 Jahre)
Hauptschule23,1%30,4%
Fachschulreife50,5% 26,6%
Abitur/Fachhochschulreife24,9%41,9%

Eine Annahme bezüglich der Skinheadszene ist hier widerlegt. Allgemein wird angenommen, dass es sich hier um Jugendliche handelt, die einen niedrigen oder keinen Schulabschluss besitzen. Wie der Vergleich zum Datenreport jedoch zeigt, gibt es fast keinen Unterschied zu der Gesamtheit der Altersgruppe Deutschlands.

 

 

 

Beziehungen

 
  
verheiratet: 5,7%
lose bis feste Beziehung: 57%
Singles: 36,3%

Aufgeschlüsselt aus dem Alter ergeben sich für die höheren Altersgruppen vergleichsweise hohe Werte für das "Alleinsein". Eigene Kinder haben 8,4% der Befragten.

 

 

 

 Berufsstatus der Eltern

Ausbildung, beim Vater die ausgeübte Berufstätigkeit genannt wird. Ebenso erscheint bei der Frage nach dem Status fraglich, ob der erlernte Beruf nicht auch genannt wird, wenn der betreffende Elternteil arbeitslos ist. Schade ist, dass bei der Frage nach den Eltern nicht weiter auf die Familiensituation eingegangen wird, beispielsweise wie hoch der Anteil der allein erziehenden Eltern ist, da ein weiteres Merkmal angeblich die Herkunft aus zerrütteten Familien sein soll.

VaterMutter
Med. Bereich18,1%Arbeiter/ Handwerker 26,5%
Soz. Dienstleistungen17,1%Beamtin/Büro10,1%
Kaufmännischer Beruf15,3%Akademikerin8,5%
Arbeiter/ Handwerker 14,0%Soz. Dienstleistungen6,5%
Beamter/ Büro11,2%päd. Bereich3,9%
Alle anderen14,9%Alle anderen44,1%

Verständnis von "Working class"

Eine Arbeit zu haben wird von den Teilnehmern der Umfrage als außerordentlich hoch bewertet, dabei geht es vor allem um körperliche Arbeit und selbstverantwortliches Tun. Anderen ( Staat, Eltern ) auf der Tasche zu liegen wird abgelehnt. Auffällig bei den Antworten ist die Ablehnung von Karriere, Status und Leitungsfunktionen. Sich selbst positionieren die Teilnehmer eher gesellschaftlich unten. Selbstbewusstsein scheinen die Befragten aus der positiven Besetzung von Arbeit, Einfachheit und Prinzipientreue zu ziehen. Zwischen Arbeit und Wochenende wird jedoch strikt unterschieden, das genussvolle Leben vollzieht sich am Wochenende. Als Querschnitt der Antworten: weder Bonze noch Spießer möchte man sein. Statt dessen will man einen "ehrlichen Job haben", weniger anspruchsvoll sein können, nicht vor Autoritäten kuschen und Spaß haben.

 

 

 

 

 Finanzieller Lebensunterhalt

  
Eigenes Einkommen60,5%
Eltern17,0%
Ab und zu von Eltern31,6%
Nebenjobs31,6%
Staatliche Hilfe9,9%

Gegenwärtiger Berufsstatus:

  
Schüler/ Azubi42,1%
Facharbeiter18,6%
Angestellter 9,8%
Arbeitslos/Umschulung9,3%
Studenten 7,3%

Zufrieden mit ihrem Berufsstatus sind 62,3% der Befragten, 37,7% nicht. Dies entspricht der Gesamtbevölkerung

 

 

 

 

 Was ist am wichtigsten am Beruf?

  
Zukunftssicherheit 93,5%
Eigenständigkeit88,6%
Anderen helfen/Nützlich sein 52,2%
Karrierechancen35,7%
Über andere bestimmen können9,0%

Eigene Zukunftseinschätzung

  
Eher optimistisch40,3%
Eher pessimistisch8,7%
Weiß nicht41,3%

In Bundesländer unterschiedlich, äußern sich in den neuen Bundesländern 45,7% eher optimistisch gegenüber 39,3% in den alten Bundesländern. Bei der pessimistischen Einstellung ist eine deutliche Zunahme mit wachsendem Alter erkennbar. Die 40% mit einer

unentschiedenen Meinung weisen jedoch auch auf eine Verunsicherung hin.

 

 

 

 

Freizeit

Konzertbesuche und "Musikhören" sind existentielle Inhalte und bestimmende Merkmale der Szene, "Saufen" gehört unweigerlich dazu. Skinhead sein ist kein privatistisches Gebaren. Es wird nach außen demonstriert. Gesucht sind augenscheinlich ( Gelegenheits- ) Strukturen zum Beieinandersein und "Fun haben".

 

 

 

Freizeitpartner: Cliquenzusammensetzung

81,6% Freund, Freundin, Clique 30,1% Stinos ( Stinknormale ) 1,7% Eltern und Verwandte 17,5% nur Skinheads 10,3% gehören keine Clique an 16,5% Punks 5,2% Hooligans

 

 

 

 

 Freizeitaktivitäten

  
Konzerte38,8%
Musik hören38,2%
saufen35,9%
Clique22,5%
Parties22,2%
Kneipen18,3%
lesen12,8%

66% der Befragten beklagen sich zudem über fehlende Angebote in der Freizeit, 83,6% davon in den neuen Bundesländern.

 

 

 

 

 Politische Orientierungen:

63,3% bekunden politisches Interesse, davon über 26% ein großes Interesse. 13,8% sind politisch aktiv in einer Partei, Bürgerinitiative oder Gewerkschaft. 47% erklärten, sie seien "unpolitisch". Auf die Frage, was denn unpolitisch für sie sei, wurde ein starker Unwillen gegen Parteien und Politiker deutlich. "Unpolitisch ist einer, der sich von politischen Gruppierungen distanziert." "Unpolitisch heißt, eine eigene Meinung zu haben, sie aber nicht für die Politik einzusetzen". "Keiner Partei angehören, weder links noch rechts, aber deswegen noch lange nicht gesellschaftsunkritisch zu sein".

Bei der "Sonntagsfrage" ( Was würden Sie wählen, wenn nächsten Sonntag Wahlen wären? ) der Umfrage erhielt die PDS einen Stimmenanteil von 23,9%, rechtsextreme Parteien erhielten 25,8% der Stimmen. ( CDU 5%, SPD 20%, Bündnis 90/ Grüne17% ) Zu beachten ist allerdings, dass nur 209 Nennungen waren, bei 406 Fragebögen, was eine Wahlbeteiligung von knapp unter 50% ergeben würde.

 

 

 

 

 Einstellungen zu szeneinternen Fraktionen

 eher positiveher negativ
SHARP45,6%36,4%
Redskins14,9%60,5%
Naziskins18,2%69,1%
Homosexuelle9,3%49,3%
Ausländer13,1%32,9%
Antifa/ Autonome9,2%78,9%

Deutlich werden hier die Polaritäten innerhalb der Szene. Überraschend die eher hohe Zustimmung zu den SHARP-Skins, während Redskins gleichzeitig eher abgelehnt werden. Dass fast 70% Naziskins eher negativ bewerten, kann als Hinweis darauf angesehen werden, dass Extremgruppen mehrheitlich auf Ablehnung stoßen.

 

 

 

 

 Gewalt

Skinheads gleich gewalttätig und brutal. Das ist die meist vorherrschende allgemeine Meinung, wenn nach Gewalt in der Szene gefragt wird.
In der Umfrage sind:

  
68,7%der Meinung, dass es Situationen gibt, in denen einem nichts anderes übrig bleibt, als zu Gewalt zu greifen, 27% stimmen dem nicht zu
30,4%sind der Meinung, dass man durch Gewalt mehr Beachtung erhält ( 35% Männer, 29,6% Frauen )
17,3%meinen, dass Gewalt ein Mittel sein kann, im Leben zurechtzukommen ( stimmt teilweise meinen 40,2% )
46,0%finden, dass Gewalt unter Jugendlichen normal sei ( 29,4% Frauen )
Gewalt scheint für viele dazuzugehören, man scheint Erfahrungen gemacht zu haben und kennt entsprechende Situationen. In diese Richtung deutet auch, dass fast
  
68,0%sich in den letzten zwei Jahren mindestens zweimal geprügelt haben, ( darunter 37, 2% Frauen )
25,5%öfter als fünfmal
Im Hinblick auf die Altersstufen ergeben sich dabei kaum Unterschiede.Gefragt nach den "Prügelpartnern" ergibt sich folgendes Bild:
  
normale Jugendliche 51,3%
Linke und Autonome 35,9%
Rechte 32,2%
Ausländer 34,6%
andere Skinheads 12,8%
Polizei 2,1%
Scheinbar finden die Auseinandersetzungen eher im szeneeigenen Bereich statt, allerdings ist die hohe Zahl der normalen Jugendlichen und Ausländer nicht zu unterschätzen.Anlässe für Prügeleien und Gewalt ergibt sich laut Umfrage aus folgenden Anlässen:
  
Provokation 47,5%
Alkohol27,7%
eigenes Aussehen, Vorurteile anderer 18,6%
Angriff auf die Clique 17,7%
Meinungsverschiedenheiten 12,1%
Hass auf andere / Andersaussehende 6,2% (2,4% sind Ausländer)

Als Fazit zu dem Thema Gewalt könnte man sagen, dass einige wenige durch Übergriffe auf Ausländer zu dem negativen Image beigetragen haben, dass in der Öffentlichkeit herrscht. Allerdings lässt sich nicht verleugnen, dass in der Szene insgesamt ein hohes Gewaltpotential steckt.

 

 

 

 

 Fazit der Studie

Jugendliche und Jungerwachsene innerhalb der Skinheadszene entsprechen bei weitem nicht dem vorherrschenden Bild einer marginalisierten Gruppe. Es handelt sich insgesamt bei Skinheads um eine sehr ambivalente, flexible und differenzierte, aber auch erheblich "normalere" Jugendkultur, als ihr Ruf vermuten lässt. Skinheads entstammen weder einer Armutspopulation, noch leiden sie an herausragenden Bildungsdefiziten. Feste, in sich geschlossene Gruppen scheinen eher selten zu sein, reine Skinheadcliquen gibt es vergleichsweise wenige. Stilmerkmale mischen sich. Offensichtlich ist eine starke Orientierung auf Freizeit, Nachtleben und Veranstaltungen. Der Skinheadstil hält für verschiedene Generationen jeweils spezifisches bereit. An ihm lässt sich unterschiedlich partizipieren. Womöglich was und ist er für Jüngere eher eine Protest-, aber auch Stilfrage mit starker Freizeitorientierung, für Ältere dagegen eher eine Form der Lebenseinstellung. Deutlich sind die Polarisationen zwischen "links" und "rechts". Der größte Teil der Skinheadszene verweigert sich aber bewusst einer politischen Instrumentalisierung, votiert, bezogen auf Wahlen, - und das dürfte überraschend sein und noch einmal die Bandbreite innerhalb der Szene verdeutlichen- für Parteien im linken Spektrum. Sehr viele enthalten sich hier, ein Viertel formuliert deutliche Sympathien für das rechtsextreme Feld. Die Verunsicherungen in Bezug auf die Zukunft sind vergleichsweise groß, Ausbildung und Beruf sind in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung. Möglich ist, dass Dequalifizierungs- und Marginalisierungserfahrungen gewissermaßen schon vorweggenommen werden – und vielleicht kommt hier auch der Skinheadkultur die Rolle eines „Puffers“ zu. Das Thema Gewalt ist ohne Zweifel in der Szene virulent. Es liegt vergleichsweise viel "Prügel"-Erfahrung vor, hauptsächlich aber wohl mit rivalisierenden Szenen im Umfeld. Man weiß um seine öffentliche Wirkung, und Provokationen geht man vermutlich nicht aus dem Weg. Allerdings ist Gewaltbereitschaft kaum das bestimmende Moment, Mitglied der Szene zu sein - ebenso wenig wie politische Beweggründe. Die große Wertschätzung von Konzertbesuchen, Musik, von Freunden und Partys verweist auf das hohe Interesse an Freizeitzusammenhängen, Gelegenheitsstrukturen, Gruppenaktivitäten und Inszenierungen mit einer Vielzahl hedonistischer Elemente - und das mit einer gehörigen Portion Alkohol. Skinheads sind keineswegs die trotzig und in sich geschlossene homogene Jugendszene. Ein Skinhead sein, vielleicht bedeutet das bei aller Ambivalenz auch eine Art "jugendkulturelle" Selbsthilfe, die für schwierige Lebenssituationen wappnet oder KrisenErfahrung quasi vorwegnimmt.

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Aktualisiert ( Donnerstag, 04. Februar 2010 um 20:29 )